Die Grünen in Delmenhorst gehen mit einer merkwürdigen Mischung in die Kommunalwahl 2026. Sie sind stabiler als früher. Sie wirken organisatorisch vorbereitet. Sie haben ein Programm, Kandidierende und kommunalpolitische Themen. Aber sie haben auch ein Problem: Ihr bekanntestes Gesicht kandidiert offenbar nicht für den Rat.
Und dann ist da noch das Bündnis mit CDU und FDP. Bei der Kommunalwahl 2021 erreichten die Grünen in Delmenhorst 10,4 Prozent und fünf Sitze im Stadtrat. Das war gegenüber 2016 ein deutlicher Schritt nach vorne. Die Grünen sind also keine Randerscheinung mehr. Sie sind angekommen. Aber angekommen ist nicht dasselbe wie auf dem Sprung.
Delmenhorst ist keine grüne Hochburg. Die Stadt ist traditionell eher von SPD und CDU geprägt. Dazu kommt ein rechtes Protestpotenzial, das bei dieser Wahl eine erhebliche Rolle spielen dürfte. Für die Grünen heißt das: Sie müssen nicht nur ihr eigenes Milieu mobilisieren, sondern erklären, warum grüne Politik in Delmenhorst konkret einen Unterschied macht.
Die Grünen wirken vorbereitet und reden sich das auch ein. Sie haben ein Kommunalwahlprogramm, eine Ratsliste und aktive Strukturen vor Ort. Inhaltlich gibt es durchaus Ansatzpunkte: Klimaschutz, Verkehr, Wohnen, Innenstadt, soziale Teilhabe, Bildung, Kultur, Digitalisierung, Antidiskriminierung. Das ist breiter als das übliche Klischee von Klima, Radweg und Lastenrad.
Aber kommunale Wahlen funktionieren nicht nur über Programme. Sie funktionieren über Personen. Und genau hier liegt ein grünes Problem. Die größte persönliche Bekanntheit innerhalb der Grünen dürfte in Delmenhorst Nadja Allmers-Plump haben. Sie war in den vergangenen Jahren das erkennbare Gesicht der Partei. Sie trat öffentlich auf, erklärte grüne Positionen und gab dem Kreisverband nach außen Profil. Für die Ratswahl hilft das aber nur begrenzt, wenn sie selbst nicht für den Rat kandidiert.
Das ist keine Nebensache. Gerade in Delmenhorst zählen persönliche Bekanntheit, Stadtteilpräsenz, Vereinskontakte, Wiedererkennung und das Gefühl: Die oder den kenne ich. Wer bekannt ist, zieht Stimmen. Wer weniger bekannt ist, muss erst erklären, warum man ihm oder ihr Vertrauen schenken soll.
Die Grünen haben also ein Gesicht. Aber dieses Gesicht steht nicht dort, wo es für die Ratswahl am meisten ziehen würde: auf dem Stimmzettel für den Stadtrat. Das kann die Mobilisierung schwächen. Nicht dramatisch, nicht automatisch, aber spürbar.
Dazu kommt ein zweites Problem: Die Grünen haben in den vergangenen Monaten einen Teil ihrer öffentlichen Sichtbarkeit ausgerechnet über Aufräumaktionen hergestellt. Natürlich ist es nicht falsch, Müll zu sammeln. Im Gegenteil. Wenn Menschen sich zusammentun, Warnwesten anziehen, Greifzangen in die Hand nehmen und zum Beispiel die Bahnhofstraße oder das Umfeld des Bahnhofs sauberer machen, ist das zunächst einmal eine gute Sache. Niemand muss sich über ehrenamtliches Engagement lustig machen. Wer Dreck wegräumt, macht etwas Sinnvolles. Aber politisch ist die Sache komplizierter.
Ein Instagram-Beispiel zeigt ziemlich gut, worum es geht: Eine Gruppe grüner Aktiver steht in Warnwesten vor mehreren gefüllten Müllsäcken. Darüber steht groß: „Gern geschehen!“ Dazu ein grünes Herz. Die Botschaft ist freundlich, sauber, ungefährlich. Wir kümmern uns. Wir packen an. Wir machen die Stadt ein bisschen ordentlicher.
Das Problem ist: Genau so sieht auch das Idealbild bürgerlicher Harmlosigkeit aus. Wenn Aufräumen zum Markenkern wird, verschiebt sich das Bild der Partei. Aus einer politischen Kraft, die Konflikte benennen, Interessen durchsetzen und die Stadt verändern will, wird schnell eine sympathische Nachbarschaftsgruppe mit Müllbeuteln. Nett. Fleißig. Hilfsbereit. Aber nicht zwingend machtpolitisch relevant.
Und genau darin liegt das Ärgerliche. Die Grünen könnten aus dem Thema Vermüllung eine politische Frage machen: Warum ist der öffentliche Raum an bestimmten Orten so verwahrlost? Welche Verantwortung haben Stadt, Verwaltung, Eigentümer, Verkehrsbetriebe oder Gewerbe? Warum reicht es offenbar nicht, wenn Ehrenamtliche gelegentlich aufräumen? Was sagt das über Aufenthaltsqualität, soziale Kontrolle, Stadtentwicklung und kommunale Ordnungspolitik?
Das wäre grüne Kommunalpolitik: Nicht nur Müll sammeln, sondern fragen, warum er dort liegt. Nicht nur die Bahnhofstraße aufräumen, sondern den Zustand des öffentlichen Raums zum Thema machen. Nicht nur „Gern geschehen!“ posten, sondern Druck erzeugen.
Stattdessen bleibt der Eindruck: Die Grünen räumen auf, damit es wieder etwas ordentlicher aussieht. Das ist bürgerlich anschlussfähig, aber politisch ziemlich klein.
Und damit passt es leider zu ihrer strategischen Lage. Denn die Grünen unterstützen erneut Petra Gerlach als Oberbürgermeisterin. Diesmal tritt sie als gemeinsame Kandidatin von Grünen, CDU und FDP an. Offiziell geht es dabei um die OB-Wahl, nicht automatisch um eine komplette Ratskoalition. Trotzdem ist das politische Signal eindeutig: Die Grünen stehen im Lager der Amtsinhaberin – und sie stehen dort gemeinsam mit CDU und FDP.
Man kann das pragmatisch nennen. Man kann sagen: Die Grünen übernehmen Verantwortung. Sie stellen nicht aus Prinzip eine eigene Kandidatur auf, sondern unterstützen die Amtsinhaberin, weil sie sie für die beste Option halten. Gerade bei einer Oberbürgermeisterwahl, die stärker personenorientiert ist als eine Ratswahl, ist das nicht völlig unplausibel.
Aber politisch hat diese Festlegung einen Preis.
Wer sich früh mit CDU und FDP aufstellt, macht es schwerer, als eigenständige progressive Kraft sichtbar zu bleiben. Die Grünen laufen Gefahr, nicht mehr als Partei der Veränderung wahrgenommen zu werden, sondern als grüner Bestandteil eines bürgerlichen Verwaltungsbündnisses. Das Entscheidende ist: Sie begeben sich in dieses bürgerliche Lager, ohne dafür einen erkennbaren politischen Gewinn zu bekommen.
Petra Gerlach profitiert von der Unterstützung. Sie kann zeigen, dass sie nicht nur von CDU und FDP getragen wird, sondern auch von den Grünen. Das gibt ihr Breite, Modernität und einen Hauch ökologischer Offenheit. Für die Amtsinhaberin ist das nützlich.
Aber was bekommen die Grünen dafür? Mehr Profil? Eher nicht. Mehr Eigenständigkeit? Sicher nicht. Mehr progressive Glaubwürdigkeit? Kaum. Einen klaren politischen Preis, der ihre Unterstützung sichtbar rechtfertigt? Der ist jedenfalls nicht erkennbar.
Das Bündnis kann sie stabilisieren. Aber es macht sie nicht größer. Es beruhigt bürgerliche Wählerinnen und Wähler, aber es begeistert keine neuen. Es zeigt Verantwortungsbereitschaft, aber es nimmt Schärfe. Es macht die Grünen anschlussfähig, aber weniger unterscheidbar.
Besonders die FDP-Nähe ist riskant. Die CDU-Nähe lässt sich noch erklären: Petra Gerlach ist Amtsinhaberin, Kommunalwahlen sind personenorientiert, die Grünen haben schon 2021 auf eine eigene OB-Kandidatur verzichtet. Die FDP dagegen bringt den Grünen keinen erkennbaren politischen Mehrwert. Sie verstärkt eher den Eindruck, die Grünen hätten sich in ein bürgerliches Lager einsortiert, in dem grüne Politik am Ende die freundliche Beilage ist.
Und dann steht daneben das Bild mit Warnwesten und Müllsäcken.
Das ist das ganze Problem in einem Foto: Die Grünen machen etwas Nützliches. Aber sie wirken nicht wie eine Kraft, die eine Stadt politisch verschiebt. Sie wirken wie die nettere, sauberere, ökologischere Variante eines bürgerlichen Ordnungsgedankens.
Für die SPD ist das eine dankbare Vorlage. Sie kann den Wahlkampf relativ einfach zuspitzen: Wer Veränderung will, wählt nicht die Parteien, die gemeinsam die Amtsinhaberin tragen. Das muss nicht dazu führen, dass grüne Stammwählerinnen und Stammwähler massenhaft zur SPD wechseln. Aber es kann verhindern, dass die Grünen zusätzliche Stimmen aus einem progressiven Wechselmilieu holen.
Das ist vermutlich der entscheidende Punkt: Die Grünen werden wegen des Gerlach-Bündnisses wahrscheinlich nicht abstürzen. Aber sie könnten daran gehindert werden, deutlich zu wachsen.
Dazu kommt die personelle Frage. Wenn das bekannteste grüne Gesicht nicht für den Rat kandidiert, fehlt zusätzliche Zugkraft. Die Partei muss dann doppelt arbeiten: Sie muss ihr politisches Profil gegen CDU und FDP behaupten und gleichzeitig ihre Ratskandidierenden bekannt machen.
Das ist machbar. Aber es ist keine komfortable Ausgangslage.
Realistisch erscheint deshalb ein Ergebnis zwischen 9 und 11 Prozent. Der wahrscheinlichste Wert liegt aus meiner Sicht bei etwa 10 Prozent. Das wäre im Kern eine Bestätigung des Ergebnisses von 2021, vielleicht mit leichten Verlusten, vielleicht mit einem kleinen Plus. In Sitzen dürfte das vermutlich auf vier bis fünf Ratsmandate hinauslaufen.
Ein schwächeres Szenario läge bei 8 bis 9 Prozent. Das wäre möglich, wenn das Bündnis mit CDU und FDP als „Weiter so“ wahrgenommen wird, die SPD sich als klarere Alternative präsentiert und die Grünen mit ihren Ratskandidierenden nicht genug persönliche Sichtbarkeit aufbauen.
Ein stärkeres Szenario läge bei 11 bis 12,5 Prozent. Dafür müssten die Grünen aber deutlich eigenständiger auftreten. Sie müssten Gerlach unterstützen, ohne wie Gerlachs grüne Pressestelle zu wirken. Sie müssten zeigen, dass sie nicht nur mitregieren wollen, sondern eigene Konflikte führen können: für Klima, soziale Gerechtigkeit, Demokratie, Beteiligung und eine Stadtentwicklung, die nicht nur verwaltet, sondern gestaltet.
Und sie müssten aus ihren Aufräumaktionen mehr machen als freundliche Social-Media-Bilder. Denn Müllsäcke sind noch kein politisches Programm. Warnwesten ersetzen keine Machtfrage. Und „Gern geschehen!“ ist vielleicht eine nette Bildunterschrift, aber keine Antwort darauf, warum Delmenhorst an manchen Stellen so aussieht, wie es aussieht.
Meine Prognose lautet daher: Die Grünen bleiben in Delmenhorst wahrscheinlich stabil, aber begrenzt. Ihr Problem ist die Erkennbarkeit. Sie haben Themen. Sie haben Strukturen. Sie haben eine Liste. Sie haben Engagement. Aber sie müssen erklären, warum man 2026 ausgerechnet grün wählen soll. Und sie müssen das mit Menschen tun, die auf dem Stimmzettel stehen. Denn am Ende reicht es nicht, Müll zu sammeln, Petra Gerlach zu stützen und dabei freundlich zu lächeln.

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