Antimilitarismus ersetzt keine Außenpolitik

Oder: Warum „Russland ist nicht unser Feind“ zu einfach gedacht ist

Wer heute über das Verhältnis zwischen Europa und Russland spricht, bewegt sich zwischen akuten Gegenwartssorgen und historischen Tiefenschichten. Sicherheitspolitik, Aufrüstung und Abschreckung dominieren die politische Agenda. Gleichzeitig warnen Initiativen wie „Russland ist nicht unser Feind“ vor einer neuen Eskalationsspirale und plädieren für Dialog.¹ Das Buch Für Russland ist Europa der Feind von Andrey Gurkov zwingt dazu, diese Ebenen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern zusammenzudenken: die aktuellen Machtkonflikte und die historischen Erfahrungen, die politische Narrative bis heute prägen.²

Wer das russische Verhältnis zu Europa verstehen will, kommt am 22. Juni 1941 nicht vorbei. Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion begann kein gewöhnlicher Krieg, sondern ein ideologisch motivierter Vernichtungskrieg. Für die sowjetische und später russische Erinnerungskultur ist dieses Datum ein traumatischer Bezugspunkt des kollektiven Gedächtnisses. Die Erfahrung, von Westen her existenziell bedroht worden zu sein, hat sich tief in das russische Sicherheitsdenken eingeschrieben. Auch wenn das heutige Europa nicht das nationalsozialistische Deutschland ist, wird in Moskaus politischer Rhetorik immer wieder auf diese historische Erfahrung Bezug genommen. Geschichte wird instrumentalisiert, doch sie entfaltet ihre Wirkung nur deshalb so stark, weil sie emotional real ist.³

Diese historische Prägung erklärt nicht und rechtfertigt erst recht nicht aktuelle russische Politik. Spätestens mit dem russischen Großangriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 hat sich die europäische Sicherheitsordnung grundlegend verändert. Ein souveräner Staat wurde militärisch angegriffen, Grenzen wurden gewaltsam infrage gestellt, und Millionen Menschen wurden zur Flucht gezwungen. Für viele europäische Gesellschaften, besonders in Mittel- und Osteuropa, war dieser Krieg ein Schock, weil er die Vorstellung widerlegte, großflächige Angriffskriege gehörten der Vergangenheit an.⁴

Gerade hier entsteht die Spannung: Während Russland seine Politik rhetorisch immer wieder mit historischen Bedrohungserzählungen unterfüttert, hat es selbst 2022 militärisch Fakten geschaffen, die in Europa als aggressive Expansion wahrgenommen werden. Wer über Feindbilder spricht, muss deshalb beides sehen: die historische Sensibilität auf russischer Seite und die reale Erfahrung militärischer Gewalt auf ukrainischer Seite. Gurkov beschreibt, wie sich in Russland über Jahre hinweg ein Bild Europas als strukturellem Gegner verfestigt hat. Dieses Feindbild speist sich nicht allein aus NATO-Erweiterung oder aktuellen Konflikten, sondern auch aus einer innenpolitischen Logik autoritärer Stabilisierung. Europa steht in diesem Deutungsmuster nicht nur für militärische Konkurrenz, sondern für ein alternatives politisches Modell – liberal, pluralistisch, rechtsstaatlich. Gerade deshalb wird es als Bedrohung wahrgenommen. Dieses Denken ist kein kurzfristiger Reflex, sondern ein langfristig aufgebautes Narrativ.² ⁴

Während Gurkov die russische Perspektive analysiert, zeigt eine repräsentative Umfrage der TU München und der Universität Leipzig, veröffentlicht am 28. Januar 2026 in der Frankfurter Rundschau, eine deutliche Verschiebung in der deutschen Bevölkerung. 62 Prozent der Befragten äußern große Sorgen vor einem militärischen Konflikt zwischen NATO-Staaten und Russland. Eine Mehrheit ist bereit, höhere Verteidigungsausgaben zu akzeptieren, selbst wenn dies zulasten sozialer Leistungen geht; 83 Prozent würden Einschnitte im Sozialbereich hinnehmen, um die Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Diese Zahlen lassen sich kaum verstehen, ohne den Krieg gegen die Ukraine mitzudenken. Die Angst vor einem Übergreifen des Konflikts oder vor einer weiteren Destabilisierung Europas ist kein abstraktes Szenario, sondern speist sich aus einem realen Krieg auf europäischem Boden.⁴ ⁵

Vor diesem Hintergrund gewinnt der Appell „Russland ist nicht unser Feind“ eine doppelte Bedeutung. Er setzt einen wichtigen moralischen Impuls, indem er vor der Verfestigung von Feindbildern warnt und an die deutsche historische Verantwortung erinnert. Der Vernichtungskrieg von 1941 verpflichtet zu Sensibilität und Zurückhaltung. Doch historische Schuld entbindet nicht von der Analyse aktueller Machtpolitik. Der Verweis auf 1941 darf nicht dazu führen, den Angriff auf die Ukraine relativierend auszublenden oder sicherheitspolitische Vorsorge als bloßes „Feinddenken“ zu diskreditieren. Es geht nicht nur um Rhetorik, sondern um konkrete politische Handlungen und strategische Interessen.¹ ³ ⁴

Die deutsche Debatte steht daher unter einem doppelten Druck. Erinnerungspolitisch verpflichten die Verbrechen der Wehrmacht zu besonderer Vorsicht gegenüber Russland. Sicherheitspolitisch jedoch hat der Angriffskrieg gegen die Ukraine die strategische Lage Europas fundamental verändert. Diese Spannung lässt sich nicht durch moralische Vereinfachung auflösen. Weder ist jede sicherheitspolitische Vorsorge Ausdruck von Kriegsbereitschaft, noch ist jede Warnung vor Eskalation naiv. Politik muss historische Verantwortung und gegenwärtige Sicherheitsinteressen zugleich reflektieren.³ ⁴

Der Überfall vom Juni 1941 bleibt ein moralischer Bezugspunkt deutscher Politik. Der Überfall auf die Ukraine im Jahr 2022 ist ein geopolitischer Wendepunkt für Europa. Wer ernsthaft über Frieden sprechen will, darf keines von beiden ausblenden. Frieden entsteht weder durch Verdrängung der Geschichte noch durch Verharmlosung aktueller Aggression. Er entsteht dort, wo historische Sensibilität und strategische Klarheit zusammengeführt werden – in dem Bewusstsein, dass Verantwortung immer in beide Richtungen wirkt: gegenüber der Vergangenheit und gegenüber der Gegenwart.³ ⁴

Quellen:

¹ Initiative „Russland ist nicht unser Feind“ gestartet, nie-wieder-krieg.org, 14.02.2026. Der Text nennt den 85. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion als Anlass und spricht von rund 1.500 unterstützenden Einzelpersonen und Gruppen.

² Andrey Gurkov, Für Russland ist Europa der Feind. Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat, Kiepenheuer & Witsch, Verlagsseite. Der Verlag beschreibt das Buch als Analyse historischer, kultureller, politischer und massenpsychologischer Faktoren hinter dem Bruch Russlands mit dem Westen.

³ Operation Barbarossa, Encyclopaedia Britannica. Britannica nennt den 22. Juni 1941 als Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion und ordnet ihn als entscheidenden Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs ein.

⁴ Zum Angriff auf die Ukraine 2022 stütze ich mich hier auf die etablierte historische Einordnung des russischen Großangriffs ab dem 24. Februar 2022 und auf die seither veränderte europäische Sicherheitslage; für die Datierung und Einordnung des Krieges siehe Britannica.

⁵ Florian Naumann, „‚Große Sorge‘ vor Russland: Verteidigung statt Soziales – Umfrage liefert Überraschungen“, Frankfurter Rundschau, 28.01.2026. Grundlage ist eine repräsentative Umfrage der TU München und der Universität Leipzig; der Artikel berichtet unter anderem von 62 Prozent mit großen Sorgen vor einem Konflikt mit Russland und einer hohen Bereitschaft, Verteidigungsausgaben auch zulasten sozialer Ausgaben zu akzeptieren

 

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