Wenn Musik das Schweigen bricht. Oder: Was dieser Abend dem Wegsehen entgegensetzt

 

Was ist Andorra? Ein Dorf? Ein Stück von Max Frisch? Ein Modell? Eine Ausrede? Vielleicht von allem etwas. Und vielleicht genau deshalb ist es klug, dass die MusikTheater-AG diesen Stoff nicht ehrfürchtig abspult, sondern aufbricht. Nicht zerstört. Aber erweitert. Zugespitzt. In die Gegenwart gezogen.

 

Der Einstieg für das Publikum wird dabei leicht durch eine einführende Klärung. Es geht um Andri. Andri ist der Sohn des Lehrers. Aber er darf nicht der Sohn des Lehrers sein. Also wird er im Dorf nicht als Sohn angenommen, sondern als vermeintlich „gerettetes“ jüdisches Kind ausgegeben — gerettet vor den bösen „Schwarzen“, die am Ende die vermeintlich guten „Weißen“ in Andorra besetzen und unterdrücken. Das ist als Rahmung hilfreich. Und mehr als das: Es zeigt von Anfang an, dass in diesem Stück nicht die Wahrheit regiert, sondern die Zuschreibung. Nicht das, was ist. Sondern das, was behauptet wird.

 

Und genau da wird es unerquicklich aktuell.

 

Denn Frischs Andorra ist kein Stück über früher. Es ist ein Stück über den bequemen Charakter des Vorurteils. Über das Wegsehen. Über das Mitmachen. Über das Schweigen im richtigen Moment. Oder besser: im falschen.

 

Besonders stark wird das in der Szene, in der das Dorf kollektiv den Sohn des Lehrers verrät. „Nur jetzt kein Widerstand“ — dieser Satz sitzt. Nicht, weil er laut wäre. Sondern weil er so harmlos klingt. So vernünftig. So alltagstauglich. Und genau deshalb ist er so gefährlich. Die Inszenierung belässt es an dieser Stelle nicht beim Frisch-Text. Sie erweitert das Stück. Verhaftet werden eben nicht nur Figuren in der Logik der Vorlage, sondern auch eine Flüchtlingsfrau aus Syrien und eine Wissenschaftlerin mit der falschen Hautfarbe. Das ist kein dekorativer Aktualisierungseffekt. Das ist der Punkt. Hier wird gezeigt, dass Andorra kein fernes Kunstprodukt ist. Andorra lebt. Vielleicht anders. Aber es lebt.

 

Und dann ist da noch die räumliche Enge.

 

Die Bühne des städtischen Theaters „Kleines Haus“, stand in diesem Jahr nicht zur Verfügung. Das merkt man natürlich. Aber man merkt eben auch: Das Ensemble hat sich davon nicht kleinmachen lassen. Im Gegenteil. Die Enge wird produktiv. Sie zwingt zur Konzentration. Sie nimmt dem Abend nichts von seiner Wirkung, sondern verstärkt sie an vielen Stellen sogar. Und die Bühnenbild-AG verdient dafür ausdrücklich Lob. Unter erschwerten Bedingungen eine Lösung zu finden, die den Abend trägt, ist keine Nebenleistung. Das ist Teil des Gelingens.

 

Überhaupt: musikalisch hat dieser Abend Wucht. Und daran hat nicht nur der Gesang seinen Anteil, sondern ausdrücklich auch das Orchester, das den Abend klanglich trägt, Stimmungen präzise setzt und den Songs wie den Szenen den nötigen Druck, aber auch die nötige Sensibilität verleiht. Gerade in einer solchen Inszenierung, in der Musik nicht bloße Zugabe, sondern Teil der Aussage ist, verdient diese Leistung besondere Anerkennung.

 

Gefühlt waren es weniger Songs als in den Vorjahren – aber wie immer gut ausgewählt: Schon „Mr. You’re a Better Man Than I“, gesungen von Julia, Katharina und Lenia, ist klug gesetzt. Denn die Zeile „Can you judge a man“ trifft den Nerv dieses Abends ziemlich genau. Wer urteilt hier eigentlich über wen? Und mit welchem Recht? In einem Stück, das von Zuschreibung, Ausgrenzung und moralischer Selbstgerechtigkeit handelt, wirkt diese Frage nicht wie bloßer Songtext, sondern wie eine Anklage.

 

Joana Steineker singt anschließend „Stop“ von Sam Brown höher als das Original. Das kann schiefgehen. Tut es aber nicht. Im Gegenteil. Der Song bekommt dadurch eine eigene Verletzlichkeit. Weniger rau. Nicht weniger glaubwürdig. Sondern anders glaubwürdig.

 

Julia Moldenhauer wiederum macht mit „Creep“ genau das, was ein solcher Song in einem solchen Abend leisten muss: Er bleibt nicht bloß Nummer, sondern wird Ausdruck. Leichtigkeit, Bühnenpräsenz, Professionalität, Authentizität — das sind große Worte. Hier passen sie. Vor allem deshalb, weil nichts daran geschniegelt wirkt. Julias Auftritt hat Form. Aber er hat auch Gefühl.

 

Danach setzt „Only Time“ von Enya, gesungen von Emma, Finja, Katharina, Kellys und Zoe, einen anderen Ton. In der Zeile „Who can say“ steckt genau jene Offenheit, die nach einem Abend voller falscher Gewissheiten und brutaler Urteile plötzlich kostbar wird. Nicht jede Antwort ist sicher. Nicht jedes Urteil gerecht. Vielleicht ist auch das eine Botschaft dieses Abends: dass Menschen vorsichtiger sein sollten mit dem, was sie über andere zu wissen glauben.

 

Bevor der Schluss eine neue Richtung nimmt, setzt „Killing in the Name“, gesungen von Emilie, Emma, Nikita, Ole und Sina, noch einmal einen harten, thematisch sehr passenden Akzent. Der Song passt gerade deshalb so gut in diesen Abend, weil er Wut nicht glättet, sondern hörbar macht. Nach all dem Schweigen, Wegsehen und Mitlaufen wirkt dieser Moment wie ein musikalischer Aufschrei gegen Anpassung und Unterwerfung.

 

Und dann das Ende.

 

Im Original von Max Frisch ist das eine Katastrophe: Andris Mutter wird erschlagen. Andri wird erschossen. Der Vater erhängt sich. Viel hoffnungsloser geht es kaum.

 

Gerade deshalb ist es stark, dass das Ensemble mit „I Will Survive“, vorgetragen von Diba, Emma, Lenia und Pauline, dem Schluss eine andere Richtung gibt. Keine naive. Keine kitschige. Keine, die das Grauen einfach wegwischt. Aber eben doch eine Wendung. Eine offene. Vielleicht ist genau das die klügste Entscheidung des Abends. Denn die Frage bleibt ja: Wer wird überleben? Das Individuum allein? Jede und jeder für sich? Oder nur Menschen, die einander helfen, weil Unterdrückung eben nicht privat überwunden werden kann?

 

Vielleicht wird „I Will Survive“ genau deshalb erst in einer kleineren Gruppe und dann vom ganzen Ensemble gesungen. Erst als Satz des Einzelnen. Dann als Möglichkeit eines Gemeinsamen. Erst Überleben. Dann Widerstand. Erst Stimme. Dann Chor. Dazu passt auch, dass der Mut einiger Mitwirkender, sich zum Teil zum ersten Mal singend auf dieser Bühne zu zeigen, gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Das muss man erst einmal machen. Vor Publikum. In so einem Abend. Respekt.

 

Was bleibt?

 

Kein netter Schulabend. Kein pädagogisch korrektes Abspulen eines Klassikers. Kein gefälliger Kulturtermin.

 

Sondern ein Abend, der etwas will. Und das auch kann.

 

Die MusikTheater-AG zeigt mit diesem Zugriff auf Andorra, dass junges Theater dann stark wird, wenn es sich etwas traut: textlich, musikalisch, politisch. Nicht jede Idee muss dabei bis ins Letzte rundgebügelt sein. Aber darum geht es auch nicht. Es geht um Haltung. Um Ausdruck. Um den Versuch, einen alten Stoff so aufzuladen, dass er wieder weh tut.

 

Genau das gelingt hier.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0