Rezension: Ira Peter. Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen.
Manchmal liest man ein Sachbuch wie einen Thriller. Nicht, weil irgendwo ein Plot-Twist lauert, sondern weil man plötzlich merkt: Hier wird etwas zusammengefügt, das man bisher nur als loses Puzzle kannte. Genau so ging es mir mit dem Buch von Ira Peter. Ich habe Seite um Seite verschlungen – und dabei ständig zwischen „Krass“ und „Ach so war das also“ hin- und hergependelt. Was das Buch so stark macht, ist diese seltene Mischung: Familiengeschichte als Motor, historische Einordnung als Rückgrat. Keine trockene Chronologie, kein „Jetzt kommt Kapitel 3: Statistik“ – sondern ein sehr klug montierter Text, der zeigt, wie aus Daten, Ereignissen, Entscheidungen Lebenswege werden. Und wie aus Lebenswegen Politik wird.
Herkunft ist kein Museum, sondern ein Konflikt
Es geht um das Werden der „Deutschen“ in den Territorien, die später zur Sowjetunion gehörten: Verschleppung, Enge, Misstrauen, Anpassung, Überleben. Und ja: Der deutsche Vernichtungskrieg ist dabei kein Fußnoten-Thema, sondern der dunkle Verstärker, der vieles verschoben und verschärft hat. Dann kommt der Bruch, 1988/89 ff., und das Buch macht sehr deutlich, was so eine Zeitenwende für Minderheiten bedeutet: Unübersichtlichkeit, Gewalt, manchmal schlicht fehlender Staat. In solchen Momenten trifft es zuerst die, die ohnehin schon nicht im Zentrum stehen.
Nach dem Ankommen fängt es erst an
Und dann passiert etwas, das in vielen Migrationsgeschichten gern übersprungen wird, weil es nicht ins Schema passt: die Zeit nach dem Ankommen, die Zeit nach dem „Wir haben es geschafft“. Der Text führt hier einen Gedanken ein, den man sich merken sollte, weil er so viel erklärt: Im Gegensatz zu den realen Mauern bröckeln die um die Seele irgendwann. Auf die Überkompensation, dieses Funktionieren-wollen, Anpassen-wollen, Durchhalten-um-jeden-Preis, folgt bei manchen eine Dekompensation – ein Durchhänger, der nicht nur schlechte Laune ist, sondern ein tiefes Nachgeben. Jetzt schlagen die Belastungen der vergangenen Jahre zu Buche, und zwar so, dass sie sich nicht immer sauber als „psychisch“ ausweisen. Seelische Erfahrungen verwandeln sich in Gelenkschmerzen ohne klare Ursache, in Suchterkrankungen, in das Gefühl, den Anforderungen des Lebens nicht mehr gewachsen zu sein. Verblüffend und unerquicklich zugleich ist die Beobachtung, dass selbst in therapeutischen Kontexten nur wenige ein klares Bewusstsein dafür entwickeln, wie einschneidend Migration war. Im Rückblick überwiegt bei vielen das Erlösende, es damals „rausgeschafft“ zu haben; dass damit auch Probleme, Brüche, Verluste und lange Schatten verbunden sind, wird oft nicht gesehen – vielleicht auch, weil man sich dann all das Negative eingestehen müsste, und das könnte das eigene Selbstbild zu schwer beschädigen.
2,5 Millionen Ankunft – und trotzdem kein „Block“
Die Aufnahme in der Bundesrepublik Deutschland geht auf eine Nachkriegsentscheidung zurück, und die Dimension ist enorm: fast 2,5 Millionen Menschen kamen und wurden hier als „Russlanddeutsche“ etikettiert. Ira Peter besteht darauf, diese Gruppe nicht als Block zu betrachten – und das ist nicht nur plausibel, sondern zwingend. Das Buch zeigt Differenzen, politisch, kulturell, alltagspraktisch, bis hinein in Familien und Verwandtschaften. Besonders plastisch wird das dort, wo die Autorin ihre eigene Haltung zu Russland und zur Ukraine nicht weichzeichnet: hier die offene Verachtung für die Diktatur, dort Menschen aus der eigenen Familie, die Kreml-Narrative stützen. Das sind nicht Nuancen, das sind gegensätzliche Weltbeschreibungen.
Gegenwart: Parteien, Krieg, Datenlücken – und trotzdem Wirkung
Sehr stark fand ich die Passagen zur Gegenwart, auch weil der Krieg gegen die Ukraine nicht umschifft wird. Zusätzlich bringt Ira Peter einen Aspekt in die Diskussion, der wehtut, weil er plausibel ist: Alternative für Deutschland und Bündnis Sahra Wagenknecht hätten sich gezielt um Russlanddeutsche bemüht, weil andere es zu lange ignoriert hätten – und seien damit durchaus erfolgreich gewesen.
Ira Peter hält uns auch den Spiegel vor, wie wenig wissenschaftliche Erkenntnisse dazu genutzt werden, der Politik einen Orientierungsrahmen zu geben. Am deutlichsten wird es durch den Verweis auf die Forschungen zur Migration von Sluzki [1] oder die Arbeiten von Jannis Panagiotidis[2]über die Diskriminierung von Migrant:innen aus dem slawischen Raum auf dem Arbeitsmarkt.
Ich will es klar sagen: Dieses Buch solltest Du lesen. Wer verstehen will, wie unsere Gegenwartsgesellschaft geworden ist, warum Migration nicht nur „Ankunft“ ist, sondern ein langes Nachwirken von Geschichte, Macht und Erzählungen, der findet hier eine Menge. Es ist ein Buch über Russlanddeutsche, ja. Aber eben auch eines über uns alle. Und das meine ich genau so.
[1]) Vgl. http://www.zaeri-autorin.de/site/assets/files/1190/das_phasenmodell_nach_carlos_sluzki_zusammenfassung_von_mehrnousch_zaeri-esfahani.pdf

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