Die Debatte um ein neues Wasserwerk ist in Delmenhorst längst kein technisches Detail mehr. Sie ist ein politischer Konflikt. Und sie legt ein Muster offen, das diese Stadt seit Jahren begleitet: ambitionierte Entscheidungen dort, wo Visionen locken – und große Zurückhaltung dort, wo Fehler korrigiert werden müssten.
Auffällig ist nicht, dass die Verwaltung heute mit Nachdruck gegen ein neues Wasserwerk argumentiert. Auffällig ist der Kontrast. Denn dieselbe Verwaltung hat 2008 mit ähnlicher Vehemenz die Graftbogenplanung vorangetrieben. Damals wurde nicht gezögert, nicht gebremst, nicht relativiert. Damals wurde entschieden.
In der Sondersitzung des Rates vom 25. Juni 2008 wurde der sogenannte Entwicklungsbogen Graft nicht als offene Fragestellung behandelt. Er wurde als Ziel formuliert. Ein Hotel und ein Veranstaltungszentrum sollten als Einheit im Graftbogen entstehen. Gleichzeitig wurden Abrisse terminiert. Das alte Hotel am Stadtpark, die Delmeburg, die Delmehalle. Der Abriss kam zuerst, die Planung sollte folgen. Wer das heute als ergebnisoffen beschreibt, beschönigt.
Diese Reihenfolge war kein Zufall. Sie entsprach einer politischen Haltung. Entwicklung wurde als Setzen von Zielen verstanden, nicht als Absicherung von Grundlagen. Die Graft galt als gestaltbarer Raum, nicht als sensibles wasserwirtschaftliches System. Risiken wurden in Kauf genommen, Einwände zur Kenntnis genommen – und dann übergangen.
In dieses Denken fügte sich später auch der Neubau der Grafttherme ein. Groß gedacht, als Zukunftsprojekt verkauft, mit dem Versprechen von Attraktivität und wirtschaftlichem Impuls. Rückblickend erweist sich jedoch vor allem der Ratsbeschluss zur Stilllegung des alten Wasserwerks als eine der folgenreichsten Entscheidungen dieser Phase. Er wurde zugunsten des Thermenneubaus getroffen und flankiert von kühnen, letztlich unrealistischen Absichten, auf dem Gelände des Wasserwerks ein Luxushotel zu errichten. Stichwort: Graftbogenplanung.
Die Folgen sind bekannt und sie sind real. Mit der Stilllegung des Wasserwerks entfiel nicht nur die Trinkwasserförderung, sondern auch die Regulierung des Grundwassers. Über tausend Bäume starben ab oder mussten gefällt werden. Keller liefen voll, auch in öffentlichen Gebäuden. Ganze Stadtbereiche litten unter dauerhaft erhöhten Wasserständen. Gleichzeitig machte sich Delmenhorst abhängig von externer Trinkwasserversorgung und gab ein Stück kommunaler Kontrolle aus der Hand.
Vor diesem Hintergrund wirkt die heutige Debatte fast grotesk. Während 2008 mit großer Entschlossenheit geplant, abgerissen und versprochen wurde, heißt es heute: zu teuer, zu riskant, rechtlich schwierig. Ein neues Wasserwerk passe nicht, sei nicht nötig, bringe nichts. Die Argumentation hat sich gedreht – nicht, weil sich die damaligen Annahmen als richtig erwiesen hätten, sondern weil ihre Korrektur politisch unangenehm wäre.
Denn ein neues Wasserwerk würde mehr bedeuten als eine technische Lösung. Es wäre ein Eingeständnis. Ein Eingeständnis, dass die Stilllegung ein Fehler war oder zumindest auf falschen Annahmen beruhte. Genau dieses Eingeständnis scheint vermieden zu werden. Stattdessen wird gerechnet, relativiert und mit rechtlichen Drohkulissen gearbeitet. Die Kartellbehörde wird zum Popanz, der politische Handlungsspielräume angeblich von vornherein begrenzt.
Der Zusammenhang zwischen Graftbogenplanung und Wasserwerksdebatte liegt deshalb nicht in einzelnen Projekten. Er liegt in der Haltung dahinter. Großzügigkeit bei Visionen, Zurückhaltung bei Reparaturen. Mut zur Entscheidung, Scheu vor Verantwortung. Stadtentwicklung als Erzählung, nicht als Absicherung.
Heute zeigt sich die Rechnung. Die Graft trägt die ökologischen Schäden, die Stadt die infrastrukturellen, und die Debatte kreist um Symptome. Dass ausgerechnet die Wiederherstellung eines stabilen Wasserhaushalts nun als Zumutung gilt, während frühere Eingriffe mit großer Entschlossenheit durchgesetzt wurden, ist kein Sachzwang. Es ist eine politische Entscheidung.
Fazit
Es könnte die Stunde der Politik sein – gerade weil eine Entscheidung jetzt mehr wäre als ein weiteres Gutachten oder ein weiterer Aufschub. Ein neues Wasserwerk wäre kein technischer Luxus und kein Rückfall in alte Konzepte, sondern ein notwendiger Schritt, um einen grundlegenden Fehler zu korrigieren. Es würde bedeuten, Verantwortung für die Folgen früherer Entscheidungen zu übernehmen, statt sie weiter zu verwalten. Die Wiedergewinnung eigener wasserwirtschaftlicher Handlungsfähigkeit wäre kein Eingeständnis des Scheiterns, sondern ein Zeichen politischer Reife. Wer heute ein Wasserwerk ablehnt, verteidigt nicht den Status quo, sondern zementiert Abhängigkeit, ökologische Schäden und strukturelle Schwäche. Die offene Rechnung der Graftbogenplanung lässt sich nicht kleinrechnen. Sie lässt sich nur begleichen – mit einer Entscheidung für ein Wasserwerk.

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Birgit Piero/ Schumacher (Freitag, 06 Februar 2026 16:09)
Was für wahre Worte .
Ich habe kein Vertrauen und kein Verständnis dafür was sich die Politik so leistet .
Aus fehlern zu lernen wäre Stärke und Weitsicht.
Aber nein .... Das ist zuviel verlangt .
Steckt hinter dem vehementen Versuch das Wasserwerks vielleicht noch was ganz anderes ?
Wie lächerlich war es schon einen Fachmann aus Holland anzuhören der als Tip gab alle Keller zu schütten.
Ich hoffe das das Wasserwerk endlich gebaut wird,denn es wird von Jahr zu Jahr teurer, so wie alles !